Ausgabe vom 03. Juli 2026 - Geniessen & Erleben

Das Finnenmesser

Unalltägliche Alltagsgeschichten

hs. Zwei Brüder waren sehr unterschiedlich: Der ältere war kräftig, unerschrocken, lebhaft, clever, ideenreich und ging auf Menschen zu. Der jüngere war drahtig, eher ängstlich und in sich gekehrt.
Nur eines hatte er seinem großen Bruder voraus: Geld. Er besaß eigentlich immer welches, der Ältere so gut wie nie. Wenn diesen der Geldmangel besonders plagte, wandte er sich an den kleinen Bruder. Er schilderte sehr überzeugend seine schwierige Lage und bekam in der Regel ein Darlehen, zu horrenden Zinsen.

Das wurde dann auch zuverlässig zurückgezahlt. Denn der Ältere hielt ein, was er versprach.

Manchmal verkaufte er seinem Finanzier auch etwas, beispielsweise einmal ein Finnenmesser, das der Großvater auf einer Lapplandreise erworben und später seinem Enkel geschenkt hatte. Es wechselte für 20 Deutsche Mark (DM) den Eigentümer.

Dann verbesserte sich die finanzielle Lage des Älteren. Er ging zum Jüngeren und schildere ihm eindringlich, wie viel ihm der Opa und deswegen auch das Finnenmesser bedeuteten. Der Jüngere, der eigentlich ungerne etwas hergab, war gerührt. So wechselte das Messer wieder den Besitzer, natürlich für 20 DM.

Die nächste Geldkrise kam, und der Ältere bot es wieder zum Kauf an. Doch diesmal für 50 DM. Der Jüngere schluckte, aber sein Habeninstinkt war stärker als die Empörung. Zähneknirschend zahlte er die 50 Mark. Und seitdem behielt er es, egal, welche Rückkaufanläufe der Ältere, noch als Erwachsener, startete. Es spielte für den Jüngeren auch keine Rolle, dass er mit dem guten Stück überhaupt nichts anfangen konnte Er gab es einfach nicht mehr her, aus Prinzip. 

Erst nach Jahrzehnten, in denen sich die beiden Brüder immer gut verstanden, kam das Messer wieder dorthin zurück, wo es hingehörte:  als Geschenk zu einem runden Geburtstag des Älteren.


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