Leben in Ulm und Amerika
SeniorenWohnen Ludwigsfeld - Bewohnerin Anna Rittenberg erzählt ihre Geschichte
hs. Sie wurde am 27. Juli 1941 in Neu-Ulm geboren als Tochter eines Kraftfahrers und einer Hausfrau - und als Nachzüglerin, wie es im Buche steht: Ihre zwei Brüder waren 14 und 16 Jahre älter und ihre Schwester 18 Jahre. So wuchs sie gut behütet auf in den Kriegsjahren, in der Nachkriegszeit und während des Wirtschaftswunders der jungen Bundesrepublik Deutschland (BRD).
Damals herrschte abwartende Feindschaft - "kalter Krieg" - zwischen den sowjetisch dominierten Ostblockstaaten ("Warschauer Pakt") und den USA im Verbund mit vielen westlichen Nationen ("Nato"). Deswegen waren in der zum Westbündnis gehörenden BRD Teile der US-Armee stationiert, auch in Ulm und Neu-Ulm.
Die Party
Doch die amerikanischen Soldaten trainierten nicht nur für den Ernstfall, sondern feierten gerne. So wurden Anna Rittenberg und ihre Freundin einmal eingeladen zu einer Party in einer der "Forts" genannten US-Kasernen. Sie gingen dort hin und lernten - Zufall oder Fügung - an diesem Abend beide ihren künftigen Ehemann kennen.
Der junge Soldat, der es Anna angetan hatte, hieß Randoll Lloyd Harvey. Ihr Vater war daraufhin wenig erfreut von der Aussicht, einen US-Soldaten zum Schwiegersohn zu bekommen. Doch als er den Auserkorenen näher kennenlernte, verflog seine Skepsis. Ihre Mutter hingegen war sofort von dem jungen Mann begeistert.
In der neuen Heimat
Mit 18 Jahren, also 1959, heiratete Anna ihren Randoll. Die beiden bekamen drei Kinder: zunächst die Tochter Shirley, dann den Sohn Randoll Lloyd und schließlich eine weitere Tochter Susan.
Die Familie ging dorthin, wohin die US-Army sie rief. Sie verbrachte kurze Zeit in Deutschland - immer im Raum Ulm.
Doch überwiegend lebte sie in den USA, und zwar in dem eher in der Mitte gelegenen Bundesstaat Arkansas sowie für vier Jahre im Staat Washington. Dieser befindet sich an der Westküste sowie an der Grenze zu Kanada und ist nicht zu verwechseln mit der US-Hauptstadt Washington, D.C. an der Ostküste.
Anna Rittenberg, die damals Anna Harvey hieß, fühlte sich wohl in der neuen Heimat, deren Staatsbürgerschaft sie angenommen hat. Sie erlebte die Menschen dort entspannter und gelassener als in Deutschland. So schnell wie möglich erlernte sie die englische Sprache, bis sie diese fließend beherrschte. Das war ihr schon deshalb wichtig, um die Kinder in der Schule unterstützen zu können.
Besonders gut getroffen hatte sie es mit ihrem Ehegatten: "Das war ein ganz toller Mann - da gab es nichts zu beanstanden!"
Er trug in der US-Army den Dienstgrad des First Sergeant - der ranghöchste Unteroffizier in einer Kompanie, ungefähr vergleichbar mit dem Kompaniefeldwebel der deutschen Bundeswehr. Jedenfalls musste er ständig in eine Gefechtsübung, in ein Manöver. War er von einem zurück und eine Woche zu Hause, ging es gleich weiter zum nächsten.
Eine Zeit lang wurde er in Korea eingesetzt, da blieb die Familie zurück in Arkansas.
Sie lebte auch in den USA, als er in den Vietnamkrieg zog... und nicht mehr zurückkam: 1967 fiel er in Vietnam.
Seine Frau stand nun allein da mit drei schulpflichtigen Kindern. Doch die US-Army versorgte die Familie mit Witwenrente etc. so großzügig, dass es ihr weiterhin finanziell an nichts fehlte. Das Wichtigste war, die Kinder auch ohne Vater gut aufzuziehen - und das ist offensichtlich gelungen.
Neuanfang in der alten Heimat
Zwei Jahre lebte Anna Rittenberg weiter in den USA. Sie würde es vermutlich jetzt noch tun, wenn ihre Mutter ihr nicht ständig in den Ohren gelegen hätte, zurück nach Ulm zu kommen: 1969 siedelte die Familie um in die alte Heimat. Auch dort wurde sie gut versorgt von der US-Army, die sogar den Umzug bezahlte.Nach einiger Zeit lernte die junge Witwe auf einer Veranstaltung einen Soldaten der US-Airforce, also der US-Luftwaffe, kennen. Er war Amerikaner, wobei sein Nachname "Rittenberg" auf eine deutsch-jüdische Herkunft deutete. Wie sich bald zeigte, kam er auch mit ihren Kindern sehr gut aus.
Seit rund 56 Jahren sind die beiden verheiratet. Jetzt leben sie im SeniorenWohnen Ludwigsfeld. Er - mit seinen 96 Jahren geistig absolut fit - zog vor drei Jahren ein, seine Frau vor einem Jahr. Sie sind zufrieden mit ihrem neuen Domizil: "Man kann sich wirklich nicht beklagen", erklärt Anna Rittenberg, "das Essen ist gut, es wird einiges geboten. Die geben sich hier sehr viel Mühe!"
Und was empfiehlt sie Menschen, die mitten im Leben stehen oder es noch vor sich haben? "Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen, und versuchen, sie zu bewältigen."
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