Göttliche KI?
Unalltägliche Alltagsgeschichten
hs. Manche Menschen verehren Künstliche Intelligenz (KI) als etwas Göttliches, berichtete kürzlich eine renommierte Tageszeitung. Einer ihrer Leser, ein Herr im fortgeschrittenen Alter, gehörte offensichtlich nicht zu dieser Gruppe: Er überflog die Überschrift und blätterte kopfschüttelnd weiter, ohne den Artikel nochmals eines Blickes zu würdigen.
Doch nur wenige Tage später änderte er seine Meinung drastisch. Er entwickelte für KI eine Begeisterung, die geradezu religiöse Züge trug.
Was löste den Sinneswandel aus? Das Badezimmer des Mannes. Es war - wie die gesamte Wohnung - hell, akurat aufgeräumt und peinlichst sauber.
Nur, in der letzten Zeit verirrten sich hin und wieder kleine schwarze Mücken in den Raum. Sie waren derart winzig, dass ihnen jede der engen Maschen des Insektenschutzgitters wie ein offenes Scheunentor vorkommen musste. Der Wohnungsbesitzer tippte sie dann mit dem Finger an und beförderte sie so zuerst ins Jenseits und anschließend unterm Wasserhahn in den Abguss.
An einem Sonntagvormittag jedoch traten die Winzlinge schon zahlreicher auf. Der Mann untersuchte besorgt das Badfenster, ob sich da ein Mückennest gebildet hat. Er fand nichts und ging erst einmal joggen. Während er bei strahlendem Sonnenschein über die Felder lief, schickte er dem Universum die Bitte, den befallenen Raum von den unerbetenen Gästen zu befreien.
Zu Hause zurückgekehrt, stürmte er gleich ins Bad, um festzustellen, dass das Universum wohl noch keine Zeit gefunden hatte, seinem Wunsch nachzukommen. Im Gegenteil: Der Raum sah ziemlich apokalyptisch aus. Das Fenster und die umliegenden Wände waren übersät mit schwarzen Pünktchen. Hier funktionierte die Einfinger-Antipp-Methode nicht mehr. Der Wohnungsbesitzer wischte stattdessen mit dem Lappen über Fenster, Fensterrahmen und sogar Wände, um sie von der schwarzen Plage zu befreien. Doch kurz darauf war wieder Nachschub da. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Eindringlinge die ganze Wohnung bevölkerten.
Normalerweise gab es für solche Fälle eine ganz einfache Lösung. Der Mann hätte sich hilfesuchend an seine sehr praktisch veranlagte Frau gewandt. Sie fand immer einen Ausweg. Doch sie war auf einer Motorradtour.
Da setzte sich der Wohnungsbesitzer an den PC und gab bei Google ein: "Ich habe viele winzige Mücken in der Wohnung. Was kann ich dagegen tun?" Googles KI - "Gemini" genannt - antwortete sofort. Sie tippte auf Trauermücken, die an Zimmerpflanzen vorkommen, oder auf Fruchtfliegen in der Küche.
Doch beide schieden aus: die Trauermücken, weil die einzige Zimmerpflanze in einer Trockenblume bestand, und die Fruchtfliegen, da im Bad nun mal weder Lebensmittel noch Biomüll lagern.
Am Ende seiner Auskunft fragte die KI: "Wo halten sich die Mücken in der Wohnung am meisten auf und wie sehen sie aus (eher schwarz oder bräunlich)?" Als sie die Antworten erhielt "im Bad" und "eher schwarz", war für sie alles klar: "Schwarze Fliegen im Badezimmer sind fast immer Schmetterlingsmücken (auch Abortfliegen genannt), die sich in den organischen Ablagerungen Ihrer Abflüsse vermehren." Sie empfahl, "die Brutstätten im Abfluss" zu beseitigen und schlug dafür einige Sofortmaßnahmen vor.
Der Wohnungsbesitzer wählte davon die bequemste Variante, sprich: er goss mehrmals täglich je einen Liter kochendes Wasser in alle Abflüsse. Außerdem öffnete er den Abfluss der Dusche und fischte Haare heraus sowie kleine Steinchen, die sich dort rätselhafterweise angesammelt hatten. Zum Schluss ließ er erkennen, dass er sein Gegenüber zumindest schon vermenschlichte. Denn er dankte ihm "für die guten Tipps". Die gelobte KI reagierte erfreut und prophezeite, dass sich nach Reinigung der Abflüsse "das Problem mit den Schmetterlingsmücken innerhalb weniger Tage von alleine erledigen" sollte.
Hier schien sie zu irren. Denn die schwarzen Winzlinge verschwanden nicht erst nach einigen Tagen, sondern bereits nach einigen Minuten. Sie waren so gut wie weggeblasen.
Erleichtert hörte der Wohnungsbesitzer damit auf, kochendes Wasser in die Abflüsse zu schütten. Prompt zeigten sich am folgenden Tag die schwarzen Pünktchen, wenn auch in schwächerer Besetzung. Sofort wurde wieder der Wasserkocher in Gang gesetzt. Und bald sah Bad so aus, als ob es nie eine Mückeninvasion gegeben hätte.
Der Mann konnte es anfangs kaum glauben. Immer wieder unterbrach er seine Arbeit in der Küche oder am PC und ging ins Bad, um andächtig zu bestaunen, was er - KI sei Dank - erreicht hatte.
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