Der Sozialstaat ist gerechter als sein Ruf
Erfreuliches
hs. "Alles schrecklich ungerecht", lautet der ironische Titel eines 2025 erschienenen Buches über unseren Sozialstaat. Verfasst hat es der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer. Er zeigt, dass viele Behauptungen zu unserem Sozialsystem zwar stimmig klingen, aber erfreulicherweise nicht stimmen.
So hört man häufig, in unserem Land finde Umverteilung von unten nach oben statt, also von arm zu reich. Das Gegenteil ist der Fall, ermittelte Georg Cremer anhand des sogenannten Gini-Koeffizienten.
Dieser misst die Ungleichheit: Sie ist umso höher, je höher der Koeffizient ausfällt. Bei 1 erreicht sie ihr Maximum - einer Person gehört alles - und bei 0 ihr Minimum, das heißt: Alle Beteiligten haben gleich viel.
Georg Cremer berechnete nun zunächst für sämtliche Markteinkommen - also für die Einkünfte aus angestellter Tätigkeit, Vermietungen etc. - den Gini-Koeffizienten. Hier ergab sich ein recht hoher Wert von 0,48, sprich: eine ausgeprägte Ungleichheit.
Dann folgte dieselbe Berechnung für die Einkommen, nachdem Steuern und Sozialversicherungsbeiträge von ihnen abgezogen worden waren und Sozialtransfers - das heißt, staatliche Unterstützung wie Kinder- oder Bürgergeld - hinzukamen. Nun ergab sich ein deutlich niedrigerer Gini-Koeffizient von 0,269 und damit eine weitaus geringere Ungleichheit.
Wenn Ungleichheit abnimmt, bedeutet das: Einkommen wird oben bei den "Reichen" weggenommen und kommt unten bei den "Armen" hinzu. Ausgelöst haben diese Wirkung die Steuern, Beiträge und Sozialtransfers. Und sie stellen nichts anderes dar als staatliche Umverteilung.
Fazit: Eine Umverteilung findet statt, jedoch nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten.
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Markus Mair, Generalagentur der SIGNAL IDUNA







