Ausgabe vom 05. Oktober 2013 - Besser Leben

Gelassenheit: Lernen vom listigen Quäker

Quäker sind eine amerikanische Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder sich zur Friedfertigkeit verpflichten. Deswegen tragen und trugen sie keine Waffen, auch nicht zu Zeiten des Wilden Westens. Damals ritt ein Quäker eines Abends heim in Stadt, als er überfallen wurde. Der Räuber war bewaffnet und hatte sein Gesicht mit Ruß geschwärzt. Er nahm das schöne, stattliche Pferd des Quäkers und überließ diesem sein eigenes altes, klappriges Pferd. Was machte der Bestohlene? Er führte das Pferd bis an den Rand der Stadt. Dann legte er ihm die Zügel auf den Rücken und ließ es voraus laufen. Was machte das Pferd? Es ging nach Hause: Nicht zum Quäker, sondern den vertrauten Weg direkt zum Räuber. Der war gerade dabei, sich den Ruß aus dem Gesicht zu waschen. Er staunte nicht schlecht, als der Quäker vor ihm stand. So blieb dem Ertappten nichts anderes übrig, als seinem „Opfer“ das schöne Pferd wieder zurück zu geben. Außerdem mußte er ihm noch zwei Taler Rittlohn bezahlen. Denn er hatte zwar das Pferd des Quäkers geritten, aber dieser nicht seins.

hs. Von Johann Peter Hebel stammt die Geschichte vom listigen Quäker. Der Dichter spricht nie von Gelassenheit. Aber er zeigt, was sie ist und wie sie uns hilft.
Gelassen sind wir, wenn wir unsere Ruhe, unser inneres Gleichgewicht bewahren oder zumindest rasch wieder finden. Mit anderen Worten, wir lassen uns nicht überwältigen von negativen Gefühlen wie Angst und Ärger. Solche Empfindungen habe ja durchaus ihren Sinn. Sie machen uns aufmerksam auf Gefahren oder Missstände, auf die Notwendigkeit, etwas zu verändern. Der Gleichgültige ignoriert die Signale. Er hat keine Lust, etwas zu tun. Der Zielstrebige, Engagierte, Pflichtbewusste neigt dazu, sich von solchen Gefühlen überrollen zu lassen. Er hat dann Schwierigkeiten, das Richtige zu tun. Der Gelassene nimmt die Situation wahr und beurteilt in Ruhe, was er akzeptieren muss und was er wie ändern kann. Manchen glücklichen Zeitgenossen ist diese Eigenschaft angeboren. Die meisten von uns müssen sie erst erlernen. Wie? Darüber berichten wir auf den folgenden Seiten.

Was sagt Wikipedia?

Gelassenheit, Gleichmut,innere Ruhe oder Gemütsruhe ist eine innere Einstellung, die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren.

Wie lautet das sogenannte Gelassenheitsgebet?

„Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Muster überprüfen

Würden wir jede unserer Maßnahmen genau durchdenken und abwägen, so wären wir allein mit den Kauf eines Brötchens einen halben Tag beschäftigt.

hs. Deswegen sind in unseren inneren Einstellungen Muster hinterlegt, die ein schnelles Entscheiden und Handeln erlauben. Manchmal können diese Beurteilungshilfen aber dazu führen, dass wir aus dem Gleichgewicht geraten, unsere Gelassenheit verlieren. Dann empfiehlt es sich, die Muster zu hinterfragen und zu ändern:

Wahrnehmung erweitern

Damit es rascher geht, konzentrieren wir unsere Wahrnehmung auf das vermeintlich Wesentliche. Wir sehen also nur Teile des Ganzen, und zwar bevorzugt das, was wir schon kennen. Wir urteilen aus unserer individuellen Sicht. Dieses Muster können wir uns in schwierigen Situationen bewusst machen. Wenn wir uns dann bemühen, andere Standpunkte und Möglichkeiten zu erkennen, handeln wir überlegter und kreativer.

Zuversichtlich sein

Unsere Erwartungen haben starken Einfluss darauf, wie wir eine Situation bewältigen. Wenn wir ihr positiv mit Zuversicht begegnen, steigen die Chancen für ein gutes Ergebnis. Bestes Beispiel ist der sogenannte Placebo-Effekt: In mehreren Versuchen wurden Patienten durch ein Medikament geheilt, das eigentlich nur aus wirkungslosen Pulver bestand. Es half trotzdem, weil die Behandelten glaubten, eine wirksame Medizin zu sich zu nehmen. Deswegen hilft es auch, wenn wir unsere Erlebnisse und Erwartungen positiv oder zumindest neutral formulieren. Aus „Morgen wird so ein Katastrophentag“ machen wir dann: „Morgen habe ich viele Besprechungen“ oder gar: „... viele chancenreiche Besprechungen.“

Glaubenssätze korrigieren

Tief im Unterbewussten ruhen grundlegende Annahmen über unsere Person und den Rest der Welt. Wenn diese sogenannten Glaubenssätze negativ sind, schränken sie unseren Handlungsspielraum ein. Wir erwarten dann beispielsweise, dass wir nie etwas zuwege bringen oder immer an den falschen Partner geraten. In solchen Fällen können wir uns fragen, ob das tatsächlich so ist. Welche Ausnahmen gab es schon? Was können wir wie ändern? So erkennen wir in unserer Situation das Gute und die Verbesserungschancen. Wir gewinnen Vertrauen und Gelassenheit.

Gelassenheit

Erwartungslücken schließen

Wann werden wir traurig, ärgerlich, bekommen Angst oder geraten in Stress? Wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte, wie wir es gerne hätten. Wie werden wir dann gelassen? Wenn wir uns daran machen, den Unterschied zwischen Ist- und Sollzustand aufzuheben.
 
hs. Wie schaffen wir das am besten? Indem wir uns vor Augen halten, wovon Ist- und Sollzustand abhängen. Nämlich davon, wie wir sie wahrnehmen, mit unseren inneren Einstellungen bewerten und dann aktiv beeinflussen. Nehmen wir das Beispiel eines Perfektionisten. Er hat an sich den Anspruch, alles bestens zu erledigen. Der geforderte Sollzustand ist sehr hoch. Das müsste den Perfektionisten nicht weiter beunruhigen, wenn er den Istzustand, nämlich sich selbst, stets genauso positiv beurteilen würde. Er müsste sich also zutrauen, seinen hohen Ansprüchen immer zu genügen. Die meisten Perfektionisten glauben das aber nicht. Sie ärgern sich dann über sich selbst oder haben Angst vor dem Versagen. Gelassener werden sie, wenn sie zwei Dinge tun: Zum einen den eigenen Fähigkeiten mehr vertrauen und sie - soweit möglich - verbessern. Zum anderen den Perfektionsanspruch verringern. So schließt sich die Lücke zwischen Anforderung und Selbsteinschätzung.
 
Betrachten wir ein anderes Beispiel: Wir fahren auf der Landstraße hinter einem Auto, ohne es überholen zu können. Was ist unser Anspruch an den Vordermann (oder die Vorderfrau)? Er soll genau so schnell fahren, wie wir es gerade wollen. Nicht schneller, dann würde er uns abhängen, aber auch keinesfalls langsamer, sonst hält er uns ja auf. Er fährt langsamer. Nun kommt unser Urteil über den Istzustand: „Trottel, Idiot, Depp!“ Wie finden wir in dieser zweifellos sehr belastenden Situation wieder zur Gelassenheit? Wir können den Sollzustand überarbeiten: Wir fragen uns, ob es wirklich so schlimm ist, etwas langsamer zu fahren. Wir rufen vorsorglich am Zielort an, dass wir später kommen. Dann hinterfragen wir den Istzustand: Vielleicht ist unser Vordermann in schwierigen Gedanken versunken. Womöglich ist er älter und deswegen sehr vorsichtig. Wir denken an unsere liebe Mutter, deren Fahrverhalten in ihren letzten Lebensjahren für manche Anekdote gesorgt hatte.

In beiden Beispielen hilft es uns, die Ansprüche zu überprüfen und in der vorgefundenen Situation nach dem Guten zu suchen. Viele Empfehlungen zur Gelassenheit setzen an unseren Erwartungen an, also daran, wie wir Wunsch und Wirklichkeit bewerten.

Gelassenheit

Selbst entscheiden und handeln

Auf der Titelseite erzählten wir, wie einem friedlichen unbewaffneten Reiter das Pferd geraubt wurde. Der Bestohlene hatte mehrere Möglichkeiten, zu reagieren.

Er hätte sich als hilfloses Opfer sehen können, das Ärger oder Angst freien Lauf lassen muss. Das heißt, er wäre entweder wutentbrannt auf den bewaffneten Räuber losgegangen und seine Geschichte wäre rasch zu Ende gewesen. Oder er hätte sich traurig und verängstigt direkt nach Hause begeben. Womöglich noch mit dem Gefühl, für das Missgeschick irgendwie verantwortlich zu sein: „Das kann auch nur mir passieren.“
Was hat der Reiter stattdessen getan? Er akzeptierte sein Schicksal, um daraus das Beste zu machen:

Entscheiden für Gelassenheit

 Der Reiter traf zunächst eine Entscheidung. Sie lautete, gelassen zu bleiben. Er machte sich bewusst, dass Ärger oder Angst nicht weiter helfen, sondern eher schaden. Und er fand sich damit ab, dass er seinen Angreifer kurzfristig nicht zu einem besseren Menschen erziehen kann.

Das Problem zu Ende denken

Der Reiter machte sich in Ruhe klar, was im schlechtesten Fall passiert. Was stellte er dabei fest? Dass es weitaus Schlimmeres gibt: „Was ist zu tun? Wenn alles fehlt, so hab‘ ich zu Hause noch ein zweites Pferd, aber kein zweites Leben.“

Sich wichtig nehmen

Der Überfallene hätte auch sagen können: „Nur über meine Leiche, Ihr bekommt mein Pferd nicht!“ Dann wäre ihm sein Besitz wichtiger gewesen als die eigene Person. Verhalten wir uns oft nicht ähnlich? Vor lauter Arbeit kommen wir dann nicht dazu, uns gesund zu ernähren und ausreichend zu bewegen. Oder wir nehmen jede Alltagspflicht ernster als unser Bedürfnis nach Erholung. Der Reiter hingegen behielt den Überblick und setzte Prioritäten. Deswegen vergaß er nicht, dass auch er wichtig ist.

Für irgendetwas wird es schon gut sein

Nachdem nun sein Pferd weg war, überlegte der Bestohlene, welche Vorteile und Chancen das Missgeschick birgt. Und hier war er ja sehr ideenreich und tatkräftig. Auch dies verdankte er seiner Besonnenheit. Denn nicht Druck und Anspannung, sondern Ruhe und Entspannung lassen Einfälle sprudeln und Mut entstehen.

Konsequent handeln

„Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“. Das sagte zwar Erich Kästner und nicht unser Reiter. Aber auch dieser hat sich so verhalten. Er vertraute sich und seinen Ideen. Er setzte seinen Plan zielstrebig und diszipliniert in die Tat um. So konnte er Erfolge erzielen. Und Erfolge wiederum stärken das Selbstvertrauen und damit die Gelassenheit.

Gelassenheit üben

Ob uns nun ein Pferd gestohlen wird oder sonstiges widerfährt, wir fahren am besten, wenn wir uns gelassen verhalten. Wie können wir Gelassenheit trainieren?

Klar, unaufgeregt und in Lösungen formulieren
Wir erreichen Ziele leichter, wenn wir positiv darstellen, was wir wollen: „Wir haben ein Mega-Problem“ ersetzen wir besser durch „Wir brauchen eine Lösung“. Um sicherer zu werden, verwenden wir anstatt unbestimmter „man müsste“-Formulierungen klare Aussagen und anstelle dramatisierender Übertreibungen neutrale Beschreibungen. Aus dem „Super-Gau-Stau“ machen wir wieder das, was er wirklich war: ein stockender Verkehr.

Verantwortungen zuordnen
Wir können nicht alles selbst erledigen und verantworten. Der bestohlene Reiter in unserer Geschichte auf Seite 1 brauchte sich nicht schuldig zu fühlen, weil er überfallen wurde. Er trug nur die Verantwortung dafür, was er daraufhin dachte, fühlte und tat. Wir müssen uns nur für das verantwortlich fühlen, was wir auch beeinflussen können.

Sich entspannen, bewegen und viel lachen
Wer von uns lag schon einmal ganz entspannt auf der Coach und hat sich dabei geärgert oder geängstigt? Niemand. Denn beides gleichzeitig ist nicht möglich. Beruhigung wirken also Entspannungstechniken, beispielsweise mehrmaliges tiefes Durchatmen. Ferner helfen viel Bewegung und natürlich der Humor.


Weitere Artikel