Ausgabe vom 26. Juli 2014 - Sport & Bewegung

Jeder nicht gekämpfte Kampf ist gewonnen

Was empfehlen Selbstschutztrainer?

hs. Müssen wir Angst haben vor Gewalt und Verbrechen? Eigentlich ständig, wenn wir uns Tatort und das übrige Fernsehprogramm zu Gemüte führen. Und in unserem wirklichen Leben? Da ist die Gefahr, dass wir beim Putzen oder Basteln von Stuhl oder Leiter fallen, vermutlich höher als die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Gewalttat zu werden.
Warum lohnt es sich trotzdem, Selbstverteidigungsseminare zu besuchen? Aus demselben Grund, aus dem es Haftpflicht- oder Feuerversicherungen gibt, obwohl selten ein Schaden eintritt oder ein Haus brennt: Sie beruhigen ungemein. Sie helfen dabei, dass wir im Fall der Fälle gewappnet sind. Und sie können dazu beitragen, dass der Ernstfall nicht eintritt. Denn ein sicheres Auftreten schreckt viele Angreifer ab. Einfache Reaktionen nehmen ihnen oft den Wind aus den Segeln, bevor sich der Konflikt entfalten kann.
Untersuchungen zufolge werden rund 70 % der Angriffe auf Frauen bereits bei leichter Gegenwehr abgebrochen. Es genügt meist, den Angreifer mehrmals laut anzuschreien.
Die Abbruchquote erhöht sich auf 85 % bei mittlerer bis schwerer Gegenwehr, also bei körperlicher Verteidigung. Die Täter rechnen in der Regel nicht mit Gegenwehr. Und sie scheuen davor zurück. Denn gewöhnlich suchen sie leichte Opfer und - zumindest für sich - keinen Ärger.
Ausreichend Ärger bekam der Angreifer auf den obigen Fotos. Sie zeigen, in der Rolle des Täters, den Taekwondo-Großmeister Stefan Roitner aus Rosenheim. Er gab am 6. Juli in der Ulmer Kampfkunstschule Hipp ein dreistündiges SelbstschutzIntensivseminar. Seine Frau Marion demonstriert auf den Bildern einige der unterrichteten Abwehrtechniken. Kampftechniken stehen aber erst am Ende eines wirksamen Selbstschutzes. So wurden am 6. Juli  viele Fragen behandelt: 

  • Wie wirkt Angst? Wie können wir mit ihr umgehen?
  • Wann handeln wir in Notwehr oder Nothilfe?
  • Wie können wir „deeskalieren“, also durch unser Verhalten einen Konflikt auflösen?
  • An welchen Signalen erkennen wir frühzeitig, dass jemand gleich angreifen wird?
  • Wie können wir Grenzen ziehen und verteidigen?
  • Wie - notfalls - kämpfen wir am besten?

Was hierzu die über vierzig Teilnehmer des Selbstschutzseminars erfuhren, berichten auszugsweise die folgenden zwei Seiten.

Angst, Wut und Adrenalin

hs. Angst hat so manches Leben gerettet. Sie ist die Alarmanlage, die vor Gefahren warnt. Dabei kann sie sich, je nach Persönlichkeit des Betroffenen, durch verschiedene Signale bemerkbar machen: Aufmerksamkeit, Muskelanspannung, Reaktion, Herzfrequenz und Blutdruck nehmen zu. Wir schwitzen und zittern. Der Atem wird flacher und schneller. Der Sichtkreis verengt sich, wir kriegen den sogenannten Tunnelblick. Ein trockener Mund hindert uns am Sprechen. Womöglich geraten wir in Atemnot, verspüren Schwindel oder Übelkeit. Schließlich können Blase und Darm plötzlich das Bedürfnis verspüren, sich rasch zu entleeren, bevor der Ärger losgeht. Die etwas derbe Redewendung, „Ich habe mir vor Angst (beinahe) in die Hose gemacht“, hat einen sehr realen Hintergrund. Angst sollte uns warnen, aber nicht überwältigen, also nicht handlungsunfähig machen. Wie erreichen wir das:

  1. Wenn Angst in uns aufsteigt, können wir uns bewusst machen, dass wir nun Angst haben
  2. Dann erinnern wir uns daran, was wir für solche Situationen im Selbstschutzseminar gelernt haben.
  3. Und das setzen wir bestmöglich um.

Ein weiteres Gefühl, das die Kontrollfähigkeit einschränken kann, ist die Wut. Frustrierende Erlebnisse, Reizworte oder -handlungen können so viel Ärger auslösen, dass sich der Betroffene nicht mehr im Griff hat. Angst und Wut haben eines gemeinsam: Sie sind purer Stress. Und bei Stress produziert der Körper ein sehr nützliches Hormon, das Adrenalin. Es kommt so schnell wie es sich - nach der Stresssituation - wieder abbaut. Es dient dazu, alle Energiereserven zu mobilisieren und die Leistungs- und Kampffähigkeit zu erhöhen. Außerdem verringert es die Schmerzempfindlichkeit. Manche Schläge, die einen eigentlich zu Boden strecken müssten, werden einfach „weggesteckt“.

Rechtslage

hs. Wer darf in einemRechtsstaat Gewalt ausüben? Nur einer, und das ist der Staat. Er hat das Gewaltmonopol, um beispielsweise durch seine Polizei für Recht und Ordnung zu sorgen. Doch auch für diese Regel gibt es eine Ausnahme: Wir dürfen körperliche Gewalt einsetzen, wenn sie notwendig ist, um uns oder andere zu schützen. Verteidigen wir uns selbst, so handeln wir in Notwehr. Stehen wir anderen bei, spricht man von Nothilfe. In beiden Fällen bleibt aber unser Verhalten nur dann straffrei, wenn es einige Bedingungen erfüllt: Die Maßnahme muss einen Angriff abwehren, der gerade in diesem Moment stattfindet oder noch andauert. Attackieren wir hingegen jemanden, der uns vor fünf Minuten geohrfeigt hat, ist das keine Notwehr, sondern strafbare Vergeltung.

Unsere Abwehr muss außerdem „verhältnismäßig“ sein. Das heißt, sie darf nicht über das Maß hinausgehen, welches zu unserem Schutz erforderlich ist. Dies lässt sich im Einzelfall oft schwer beurteilen. War es beispielsweise verhältnismäßig, jemanden kampfunfähig zu schlagen, weil er uns gerade geohrfeigt hat? Die überraschende Antwort lautet: Vermutlich ja, wenn der Angreifer hätte gefährlich werden können. Denn seine Ohrfeige war womöglich nur der Auftakt zu einem massiven Angriff. Mit ihr wurde dann die Grenze überschritten zu einer  körperlichen Auseinandersetzung, die auch sehr heftige Verteidigungsmaßnahmen rechtfertigt. Ohnehin wird manch Angegriffener nach dem Motto handeln: „Lieber spreche ich hinterher mit meinem Rechtsanwalt, als mit meinem Arzt.“
Wer sich nun unverhältnismäßig verhalten hat, kann trotzdem straffrei ausgehen, wenn er aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken gehandelt hat.
Strafrechtlich belangt hingegen wird derjenige, der einen Angriff beobachtet und dem Opfer nicht hilft. Er muss zwar nicht in dem Kampf eingreifen und Kopf und Kragen riskieren. Er darf durchaus das Weite suchen. Aber er muss schnellstens das Handy zücken und die Polizei benachrichtigen.
Die Rechtslage ist kompliziert. Sie wurde hier nur unvollständig und unverbindlich dargestellt. Genaue Auskünfte erteilt bestimmt jeder im Strafrecht tätige Rechtsanwalt.

Deeskalieren

hs. Frauen und Männer sind gleichberechtigt, aber nicht gleich. Das zeigt sich schon daran, dass Gewalttaten meist von Männern ausgeübt werden. Der Unterschied zeigte sich im Selbstschutzseminar auch an den Verhaltensempfehlungen. Sie sind nämlich für Frauen anders als für Männer.
Beiden wurde zwar empfohlen, eine Abwehrposition einzunehmen. Dabei streckt man die Arme auf Gesicht- und Brusthöhe aus, um den Angreifer auf Abstand zu halten. Man sagt laut - so dass es auch die Zeugen hören - Sätze wie: „Lassen Sie mich in Ruhe“.
Die Frau sollte dabei selbstbewusst, befehlend auftreten und Diskussionen oder gar Unterwürfigkeit vermeiden. Nach Möglichkeit weicht sie nicht zurück, sondern geht mit aggressiv nach vorne zeigenden Händen auf den Angreifer zu. Denn dieser  sucht im Regelfall ein bequemes Opfer. So verliert er eher die Angriffslust, wenn er bemerkt, dass mit der Auserwählten „nicht gut Kirschen essen ist“. Wenn ein Mann angegangen wird, verhält er sich am besten defensiv, schützend. Er vermeidet Provokationen und weicht zurück. Seine Hände zeigen zwar zum Kontrahenten, aber beschwichtigend mit der Handinnenfläche.
Warum soll  der Mann so besänftigend auftreten? Bei Auseinandersetzungen unter Männern geht es meist um „Hahnenkämpfe“: Wer ist der Größte und Stärkste, wer ist Chef im Revier? Wenn man nun dem Angreifer diese Rolle überlässt, vielleicht muss er dann nicht mehr  kämpfen?

 

Vorbereitendes Angriffsverhalten

hs. Kommt jemand mit ausgestreckten Armen auf uns zu, meint er es normalerweise gut mit uns. Er freut sich, uns zu sehen, und will uns umarmen. Ausgebreitete Arme können aber auch ein sogenanntes vorbereitendes Angriffsverhalten darstellen. Das sind unbewusste Körpersignale. Sie zeigen an, dass ein Mensch vor lauter Wut allmählich die Kontrolle über sich verliert und gleich gewalttätig wird:

  •  Der Angreifer stößt sein Gegenüber mit den Händen zurück und reißt dann die Arme auseinander. Mit dieser Geste will er - ohne sich dessen bewusst zu sein - größer und breiter wirken.
  • Seine Finger zucken nervös hin und her.
  • Die Hände werden hinter dem Körper versteckt.
  • Der Angreifer wechselt von einer Parallelstellung zu einer seitlichen Position. Das heißt, seine Füße stehen nicht mehr nebeneinander im gleichen Abstand zum Kontrahenten, sondern hintereinander. Nur ein Fuß und eine Körperseite sind dem Gegenüber zugewandt. So kann man besser kämpfen.
  • Der Angreifer fasst sich ins Gesicht.
  • Er zupft sich an Ohren und Nase. Auch diese Gesten kommen aus dem Unterbewussten. Mit dem Griff zur Nase fragt sich der Angreifer, ob sein Gegenüber nach Angst riecht

„Wenn Du kämpfen musst, dann kämpfe!“

hs. Alle Deeskalationsversuche waren vergebens, der Angreifer geht auf uns los. Was machen wir? Wir stehen bereits in unserer Abwehrposition. Wir versuchen weiter, den Angreifer mit unseren Armen auf Abstand zu halten. Dabei konzentrieren wir uns auf ihn, auf seine Mitte, und nicht auf seine Arme oder Füße.
Nun wird er beispielsweise eine unserer Hände fassen und uns zu sich ziehen, um mit seiner anderen Hand zuzuschlagen. Wir können nun etwa seinem Ziehen nachgeben, den Ellenbogen unseres gefassten Armes über seinen greifenden Arm legen und zu seinem Gesicht stoßen. So stellen wir uns auf die seiner freien Faust abgewandten Körperseite. Nun ist es an uns, zu schlagen und zu treten. Aber nicht irgendwohin, sondern an die empfindlichen Schmerzpunkte: Zehen, Knie, Oberschenkel außen, Genitalien, Solar Plexus, untere Rippenkante, Außenseite der Ellenbogen, Vorderseite des Halses, Nase, Augen, Ohren.
Der Schlag mit der flachen Hand auf das Ohr beispielsweise erfüllt alle Kriterien einer guten Kampftechnik: Er ist einfach, direkt und sehr wirksam. So gibt es viele Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Vor allem Kampfsportler können hier auf ein umfassendes Repertoire zurückgreifen. Dabei sollten wir zwei Dinge beachten: Einige Schläge werden wir stets abkriegen. Doch unser Adrenalin macht uns schmerzunempfindlicher. Aber auch der Angreifer steckt voller Adrenalin. Deswegen bringt es nichts,
sich ein bisschen zu verteidigen. Wenn wir schon kämpfen müssen, dann richtig. Wie wehren wir uns, falls wir zu Boden geworfen wurden? So wie auf dem Bild rechts auf der Titelseite: Arme vors Gesicht, einrollen zur Embryonalhaltung und treten, treten, treten. Doch die beste Verteidigung ist es immer noch, es gar nicht erst zur Auseinandersetzung kommen zu lassen. „Denn“, so erklärt der Trainer Stefan Roitner beim Selbstschutzseminar in der Kampfkunstschule Hipp, „jeder nicht gekämpfte Kampf ist gewonnen!“

Üben, üben ...

hs. Wie üben wir Selbstverteidigung? Ungern auf der Straße. Aber es gibt ja Selbstverteidigungskurse, beispielsweise in der Kampfkunstschule Hipp. Die Vertreter der Kampfsportarten - ob Karate, Aikido oder Taekwondo - betonen gerne, ihre Übungsbedingungen würden nie ganz mit dem realen Straßenkampf übereinstimmen. Aber allein das Selbstverteidigungsseminar am 6. Juli zeigte: Die im Kampfsport erlernten Techniken lassen sich im Ernstfall gut nutzen.

 

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